Pressemitteilung: zweiteroktober90

Eisenach zur Wiedervereinigung 1990: Pogromartige Angriffe auf mosambikanische Vertragsarbeiter:innen

Im Rahmen unseres Recherche- und Dokumentationsprojekts „zweiteroktober90. Die Gewalt der Vereinigung“ haben wir die zahlreichen, teils massiven Neonazi-Angriffe auf Migrant:innen, schwarze Menschen und Linke am 2. und 3. Oktober 1990 zum ersten Mal ins öffentliche Bewusstsein getragen.

Im Zuge der Veröffentlichung sind wir von einem Zeitzeugen auf gleichgeartete Vorfälle in Eisenachhingewiesen worden. Dank der Unterstützung der Eisenacher Historikerin Jessica Lindner-Elsner und des Eisenacher Stadtarchivs konnten wir diese nun rekonstruieren:

Am Abend des 2. Oktober 1990 griffen ca. 100 thüringische und hessische Neonazis das Wohnheim der mosambikanischen Vertragsarbeiter:innen des ehemaligen VEB Automobilwerke Eisenach in Eisenach-Nordan. In den Folgetagen kam es zu immer heftigeren Angriffen, an denen sich auch Anwohner:innen beteiligten: Laut Zeitungsangaben attackierten auch „unbeteiligte Bürger“ die Polizei. Da die Polizei der Lage nicht Herr wurde, ließ die Stadtverwaltung am Abend des 5. Oktober 1990 das Wohnheim „unter größtmöglicher Geheimhaltung“ räumen und die mosambikanischen Arbeiter:innen an einen unbekannten Ort in Sicherheit bringen.

Diese tagelangen massiven Angriffe, die Beteiligung der Anwohner:innen an den Aktionen der Neonazis und die Unfähigkeit bzw. der Unwille der Polizei zu einem harten Einschreiten haben uns dazu veranlasst, die Vorfälle in Eisenach-Nord als pogromartig zu klassifizieren. Die Ergebnisse unserer Recherche finden Sie unter folgendem Link: https://zweiteroktober90.de/eisenach/.

Die Angriffe in Eisenach-Nord ordnen sich in eine ganz Welle rechter Gewalt ein. Am 2. Oktober 1990 kam es in Deutschland zu einer Vielzahl solcher Angriffe und Anschläge. Im Rahmen unserer Recherche konnten wir bisher 30 Vorfälle feststellen, an denen sich insgesamt mindestens 1100 Neonazis und Rechte direkt beteiligten. Der Schwerpunkt der Gewalt lag dabei in Ostdeutschland, wo in mehreren Städten Dutzende bis Hunderte von Neonazis besetzte Häuser und Vertragsarbeiterheime angriffen und anzündeten.

Einen Gesamtüberblick über das Projekt, Berichte aus verschiedenen Städten, Zeitzeugeninterviews und Artikel über den Kontext und die Zeit finden Sie unter https://zweiteroktober90.de/.

Mit freundlichen Grüßen:
Konstantin Behrends, Julian Kusebauch, Laura Peter, Thomas Wicher